Sonnenvitamin
 

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Sonnenvitamin

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Man nannte es Sonnenkur. Bis zur Entdeckung der Antibiotika vor 80 Jahren war sie neben dem Aufenthalt in großer Höhe die einzige bekannte wirksame Therapie gegen Tuberkulose. Niemand wusste, warum sie funktionierte. Fest stand nur, dass viele Schwindsüchtige gesund wurden, wenn sie eine Kur an einem sonnigen Ort machten.

Vitamin-D wurde1922 identifiziert. Unter dem Begriff »Vitamin D« fasst man gewöhnlich zwei sehr ähnliche Moleküle zusammen - Vitamin D3 und Vitamin D2. Keines der beiden Moleküle hat als solches schon eine Funktion im menschlichen Stoffwechsel. Jedes muss erst noch chemisch modifiziert werden.

Es ist nachgewiesen, dass Vitamin-D Krebs verhütend wirkt und ein wichtiger Regulator des Immunsystems ist und dass viele von uns zu wenig davon im Blut haben. Es gibt immer mehr Anhaltspunkte dafür, dass ein Vitamin- D-Mangel, und sei er auch nur gering, eine Reihe negativer Folgen hat, die oft erst später im Leben auftreten. Demnach trägt eine Unterversorgung mit dem Mikronährstoff möglicherweise die Mitschuld an einer Reihe Erkrankungen - darunter Krebs, multipler Sklerose sowie Autoimmunund sogar Infektionskrankheiten wie Grippe. Der Krankheitsverlauf und die Symptomschübe bei MS-Patienten zeigen außerdem regelmäßige jahreszeitliche Schwankungen - mit einem Maximum im Frühjahr, wenn der Blutspiegel von 25D nach dem Winter am niedrigsten ist, und einem Minimum im Herbst, wenn die hoch stehende Sonne im Sommer den Vorrat an Vitamin D3 kräftig aufgestockt hat.

Vitamin D3 wird beim Kontakt mit UV-B-Strahlung (bei einer Wellenlänge zwischen 315 und 280 Nanometern) von bestimmten Hautzellen, so genannten Keratinozyten erzeugt. In diesem Zusammenhang ist auch das gestiegene öffentliche Bewusstsein um die Risiken des Sonnenbadens problematisch. Moderne Sonnenschutzmittel verringern das in der Haut produzierte Vitamin D um mehr als 98 Prozent. Um den normalen Bedarf an dem Mikronährstoff zu decken, sollten Menschen mit heller oder bronzener Hautfarbe in Nordamerika oder Europa im Sommer täglich ein ungeschütztes Sonnenbad von 5 bis 15 Minuten zwischen 10.00 und 15.00 Uhr nehmen. Dabei kommt es höchstens zu einer leichten Rosafärbung der Haut. Eine Vitamin-D-Toxizität durch Sonnenlicht wurde bisher nicht beobachtet. Eine hellhäutige Frau, die im Sommer im Bikini ein Sonnenbad nimmt, bildet in 15 bis 20 Minuten etwa 100 000 Internationale Einheiten Vitamin D. Danach stagniert dieser Wert aber, weil UV-Strahlung das Vitamin auch zerfallen lässt - was verhindert, dass sich zu viel davon in der Haut bildet. Demnach bei genügend Kontakt mit Sonnenlicht brauchen wir es nicht mit der Nahrung aufzunehmen.

Nach Meinung der meisten Forscher auf dem Gebiet weist eine beträchtliche Anzahl von Menschen in den gemäßigten Breiten vor allem im Winter einen Vitamin-D-Spiegel weit unter dem gesundheitlich optimalen Niveau auf. Der Grund ist, dass außerhalb der Tropen nur im Sommer größere Mengen UVB- Strahlung einfallen. Im Einklang damit besteht eine deutliche Korrelation zwischen zunehmender geografischer Breite und dem Risiko für gewisse Erkrankungen.

 

Vitamin D2 leitet sich von einem cholesterinähnlichen pflanzlichen Steroid ab und findet sich in einigen wenigen Lebensmitteln, wie Shiitake Pilzen, Milchprodukten, Eigelb, fettem Fisch oder Waltran - sowie inzwischen aus Nahrungsergänzungsmitteln.

Aktuelle Untersuchungen belegen auch einen Zusammenhang zwischen dem Krankheitsrisiko und der Konzentration an freiem 25D im Blut. Das illustriert etwa eine Untersuchung von 420 gesunden Frauen aus Kopenhagen (55 Grad nördliche Breite), Helsinki (60 Grad), Cork (52 Grad) und Warschau (52 Grad) im Februar und März 2005. Bei 92 Prozent der jungen Mädchen in dieser Stichprobe lag der 25D-Spiegel unter 20 und bei 37 Prozent sogar unter 10 Nanogramm pro Milliliter (ein schwerer Vitamin- D-Mangel). In diesem Fall sind andere Quellen von Vitamin-D entscheidend.

Auch mit Vitamin-D-Präparaten kann man natürlich einem Mangel vorbeugen. Die Höhe der Tagesdosis ist jedoch umstritten. Nach der Auswertung mehrerer Untersuchungen über den Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Aufnahme und 25DProduktion im vergangenen Jahr sind sie der Meinung, dass die Hälfte aller Erwachsenen in den Vereinigten Staaten mindestens 1000 Internationale Einheiten Vitamin D3 am Tag einnehmen müsste, um ihre 25D-Serumkonzentration auf das für die Gesundheit erforderliche Mindestniveau von 30 Nanogramm pro Milliliter zu bringen. Leider gibt es keine allgemein gültige Faustregel für die 25D-Produktion durch Vitamin- D-Präparate, da sie individuell sehr verschieden ist und auch vom Grad der Unterversorgung abhängt. Zwar kann man sich mit Vitamin-D-Präparaten auch eine schädliche Überdosis verabreichen - normalerweise aber nur bei Einnahme von mindestens 40 000 Internationalen Einheiten am Tag über längere Zeit hinweg.

Eine einmütige Empfehlung über eine sinnvolle Sonnenexposition seitens der Ärzteschaft sowie eine klare Aussage über die optimale Tagesdosis und darüber, wie sie erreichbar ist, könnten dazu beitragen, den Gesundheitszustand weiter Teile der Weltbevölkerung wesentlich zu verbessern.

Quelle: Spektrum der Wissenschaft, Juli 2008

Holick, M. F.: Vitamin-D-Defi ciency.

 

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